Oberleutnant Naef war erschüttert

Der Rorschacher Erwin Naef wurde im September 1943 nach Chiasso zum Schutz der Grenze abkommandiert. Er musste jüdische Flüchtlinge zurückweisen. Konnte es aber kaum

Erwin Naef (1913-1968) war Kaufmann in Rorschach und Oberleutnant im Militär. 1943 wurde er mit seiner Truppe in Balerna bei Chiasso stationiert, direkt an der Grenze zu Italien. Er sollte Flüchtlinge vom Grenzübertritt abhalten.

Der Befehl aus Bern war rigoros: Jeder Ausländer, der illegal über die Grenze kam, sei «ohne weiteres zurückzuweisen». Dies obwohl zu jenem Zeitpunkt der Holocaust allgemein bekannt war. An der Südgrenze wurde aber vor allem ein Ansturm italienischer Faschisten befürchtet. Viele hatten nach dem Sturz von Diktator Mussolini und der Landung der Alliierten in Sizilien die Flucht ergriffen.

Doch es kamen vor allem jüdische Flüchtlinge auf der Flucht vor den Nazis. Ausgehungerte, abgekämpfte und verzweifelte Gestalten mit Kind und Koffer, die nur eines suchten: Schutz vor ihren Häschern, Schutz vor dem drohenden Tod im Konzentrationslager.

Naef war mit diesen Hilfesuchenden praktisch täglich konfrontiert. In den Briefen an seine Frau schildert er erschütternde Szenen, wie man sie in dieser Detailtreue bisher nicht kannte. Frauen und Kinder flehten um ihr Leben, warfen sich zu Boden, ließen sich nur mit Gewalt wegschleppen. Einige verlangten, man solle sie erschießen, nur damit sie nicht den Deutschen in die Hände fallen.

Naef, in einem katholischen, autoritätsgläubigen Haus aufgewachsen, geriet an seine persönlichen Grenzen. Er musste Befehlen gehorchen, die er nicht rechtfertigen und kaum vollziehen konnte. «Ich kann Dir die Szene nicht beschreiben, wie sich die beiden älteren Kinder an ihre Mutter klammerten, diese an ihren Gemahl. Denn abführen und hinauswerfen bedeutete, auf Nimmerwiedersehen», schrieb er in einem Brief an seine Frau Alice Naef-With.

Zwar ging Naef nicht so weit, sich direkt militärischen Befehlen zu widersetzen. Doch er suchte Auswege. Und fand sie. So meldete er eine jüdische Familie aus Holland dem Gemeindepräsidenten, nachdem sich diese selbst mit Gewalt nicht hatte über die Grenze schleifen lassen. Der Sindaco alarmierte via Bern die holländische Botschaft und konnte so das Leben der Familie retten. Ein einzelnes Schicksal wurde zum außenpolitischen Fall.

Die beiden Historiker Gregor Spuhler und Georg Kreis halten Naefs Briefe für ein außergewöhnliches Zeitdokument. Sie zeigten, dass es trotz rigider Rückweisungsbefehle einen humanitär motivierten Widerstand gegen eine inhumane Politik gab, selbst in der Armee. Naef sei Täter und Held zugleich gewesen, indem er Flüchtlinge abwies, aber auch seinen Handlungsspielraum ausnützte und Leben rettete. Wie Polizeihauptmann Grüninger.

Spuhler folgert, dass die Zahl von rund 12 000 aufgenommenen Flüchtlingen im Zeitraum von 1943/44 weniger der Großzügigkeit von Behörden als dem Widerstand der Grenzbevölkerung zuzuschreiben ist. Diese ließ sich vom menschlichen Leid rühren, leistete spontan Hilfe und unterlief so die offizielle Parole «Das Boot ist voll».

Naefs Briefe befinden sich seit 2013 im Archiv für Zeitgeschichte in Zürich. Die NZZ hat daraus einen multimedialen Beitrag auf ihrer Webseite publiziert. Die Briefe sind im Original zu lesen auf www.nzz.ch.[modal id=“19250″ style=button color=default size=default][/modal]

Autor: Ralph Hug