Rolf Pape ist tot
Foto: Roland Dorau
Heute früh wurde Rolf Pape auf dem Konstanzer Hauptfriedhof beerdigt. Man kannte den alten Herrn mit seinen langen, weißen Haaren. Der überzeugte Staatsfeind, Sozialaktivist und Physikphilosoph, wie ihn ein langjähriger Freund bezeichnete, gehörte seit Jahrzehnten zum Konstanzer Stadtbild. Behende lief er auf seinen Krücken durch die Straßen, war täglich kilometerweit unterwegs, immer beladen mit Pappkartons und Lebensmitteln, die er irgendwo günstig erstanden hatte. Sein Rucksack war meist prall gefüllt mit fotokopierten Gesetzestexten, über die er in früheren Jahren gerne und ausführlich diskutierte. In den letzten Jahren aber zog sich Rolf Pape immer mehr zurück und wurde auch für seine besten Freunde unerreichbar. Einsam und verlassen ist er schon vor Wochen in seiner Wohnung gestorben. seemoz bemüht sich derzeit um einen Nachruf.
Vielen Dank für diese Meldung und den geplanten Nachruf. Ich denke, dass Pape in seinem Handeln konsequent bleiben wollte bis zum Schluss. Und das hat er geschafft. Noch letztes Jahr hat er ein Zimmer auf dem Gelände des psychiatrischen Klinikums, das man ihm zur Existenzsicherung angeboten hatte, als Freigänger und ohne Therapie, low-level sozusagen, scharf abgelehnt. Keine Zugeständnisse an Alter und Krankheit, kein Weichwerden. Wir werden ihn nicht vergessen.
Rolf Papes Tod gibt Gelegenheit daran zu erinnern, dass ihm Ernst Köhler in seiner Erzählung „Und er kommt und findet sie schlafend“ (1986 bei Drumlin erschienen) schon zu Lebzeiten ein eigenwilliges Denkmal gesetzt hat. Seinen Erzähler, einen Bibliotheksrat, lässt er dort sagen: „Ich darf mich als einen der Bewunderer dieses aufrechten Mannes bezeichnen“, er lässt diesen Erzähler dann aber auch eine Entzweiung erleben: „Ich war auf jeden Fall nicht der Mann, ihn von seiner starrsinnigen, selbstzerstörerischen Entschlossenheit abzubringen.“
Eine Stadt wird durch den Tod solch unangepasster, originaler Menschen jeweils ärmer. Eine Gelegenheit, den weiterhin Schwierigen gegenüber geduldiger zu sein…
Konstanz hatte vor 50 Jahren ein ähnliches Original (im besten Sinne), ebenfalls ein Naturwissenschaftler, freilich die sanfte Variante des Typs. Ein zarter, groß gewachsener Mann, in einem weiten Mantel und mit Baskenmütze, mit Sozialhilfe lebend, ohne Beruf, ein Freund der Kinder: immer hatte er einen Bumerang dabei, den er fliegen ließ. Durch sein manchmal exaltiertes Verhalten zugleich am Rand einer Lächerlichkeit.
Dieser Hans Donath war genial begabt, erfand ein eigenes Verfahren zur Farbphotographie, das aber zu unwirtschaftlich war. Um dem Unsteten einen Ort zur kontinuierlichen Entwicklung seiner Begabung als Erfinder zu geben, ließ ihm Hermann Venedey zusammen mit sympathisierenden Lehrern im Keller des Humboldt-Gymnasiums einen Experimentierraum einrichten. Donath hat es dort nicht lang ausgehalten.
Eine traurige Nachricht. Pape war eine Legende für mich/uns. Er war links und stand dafür. Gleichzeitig widersetze er sich jeder Einordnung und Vereinnahmung. Pape war „schräg“ im besten Sinn des Wortes und eine Bereicherung des Stadtbildes und der politischen Szene in Konstanz. Sein schneller Gang mit den langen, gepflegten Haaren, dem stets prall gefüllten Rucksack und den zwei Krücken,über die wir schon als Kinder mutmassten, dass sie nur der noch schnelleren Fortbewegung dienten, bleibt mir unvergessen. Ebenso geht es mir mit manch klugem Gespräch am Strassenrand mit einem der „letzten alten Linken“.
Wir werden ihn lächelnd vermissen…