NS-Ausstellung im Rosgartenmuseum: Gegen das Vergessen (I)

NazischergenVergangenen Freitag wurde im CineStar vor großem Publikum die Ausstellung „Konstanz im Nationalsozialismus 1933 – 1945“ eröffnet. Gezeigt wurde auch ein Film, der sich in Konstanz auf Spurensuche begab und deutlich macht, wo die Nationalsozialisten ihr Unwesen trieben. Museumsdirektor Tobias Engelsing hielt eine Rede zum Thema, die wir hier in leicht gekürzter Form wiedergeben. Eine zweite, vorgetragen von Anselm Venedey, folgt morgen.

Museumsdirektor Tobias Engelsing

 

„(….)Was mich an diesen jungen Menschen eben oft besonders erbittert, das ist das große Unrecht, das sie in ihrer Nähe ertragen können, ohne dass sich ihnen das Herz umdreht.“ Diesen Satz schrieb der nationalkonservative Schriftsteller Ernst Jünger am 17. Juli 1942 als deutscher Offizier in Russland in einem Brief an seine Frau Frau Gretha. Er meinte damit die Gleichgültigkeit, mit der junge deutsche Besatzungssoldaten auf die Massenmorde der deutschen Polizei- und Einsatzgruppen an der jüdischen und russischen Zivilbevölkerung reagierten. Jünger bilanzierte: „Ich bemühe mich, zu keiner Minute des Tages die unermesslichen Leiden zu vergessen, von denen ich umgeben bin – handelte ich anders, so wäre ich kein Mensch und kein Offizier.“

Im Gegensatz dazu konnte eine große Mehrheit der Deutschen das Leid der Bedrängten und Verfolgten sehr wohl ertragen und hinnehmen, ohne dass sich auch nur Mitgefühl geregt hätte. In der totalitären Diktatur aktiven, systemgefährdenden Widerstand zu leisten, ist immer nur einer winzigen, zu allem entschlossenen Minderheit möglich, das wissen wir. Aber Menschlichkeit und Nächstenhilfe wäre jedem möglich gewesen, denn auch in Diktaturen gibt es Spielräume, auch dort kann man anständig bleiben.

Auch in Konstanz gab es solche Menschen: Sie waren Fluchthelfer für Verfolgte beim Überwinden der Schweizer Grenze, Kundinnen, die weiterhin bei jüdischen Kaufleuten einkauften, Arbeitskollegen, die Zwangsarbeitern etwas Essen zusteckten oder Ordensschwestern wie Brigitta Hilberling, die mutig an das Gewissen ihrer Schülerinnen appellierte und dafür vor dem Volksgerichtshof landete.

Unsere Eltern und Großeltern hätten viele Gründe gehabt, sich nach 1945 der singulären Menschheitsverbrechen, deren Zeitzeugen oder sogar Mitschuldige sie mehr oder weniger geworden waren, zu erinnern. Die Realität sah, wie wir wissen anders aus: Die deutsche Nachkriegsgesellschaft verbannte die Verbrechen und die eigene Mitwirkung in den dunklen Orkus des Verschweigens und Verdrängens. Missmutig wie eine kalte Morgendusche überstanden die Deutschen die von den Alliierten betriebene „Entnazifizierung“ und die deutsche Justiz zeigte – wegen eigener braunen Durchsetzung- kaum Interesse an einer strafrechtlichen Aufarbeitung der Verbrechen unterhalb der Ebene der Spitzenakteure, die in Nürnberg abgeurteilt worden waren.

Für die Nachgeborenen ist der Umgang mit dieser Vergangenheit schwieriger: Es gibt ja keine individuelle Erinnerung an etwas, das man nicht selbst erlebt hat oder dessen mittelbarer Zeitzeuge man zumindest geworden ist. Wir Nachgeborene können der Ereignisse nur gedenken. In unserem Land hat sich spätestens seit der 1979 ausgestrahlten US-amerikanischen Fernsehserie „Holocaust“ eine im Jahreskalender fest verankerte Gedenkkultur verankert: Am 27. Januar gedenken wir der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, am 8. Mai wird des Kriegsendes gedacht, am 9. November rufen wir uns die Ereignisse der Judenverfolgung ins Gedächtnis. Wiederkehrende Jahrestage, wie jüngst der Tag der Wannsee-Konferenz, finden in Printmedien, in den sozialen Netzwerken und im Fernsehen Beachtung.

Kritiker aus unterschiedlichen politischen Lagern beklagen deshalb, im überkorrekten, in seine dunkle Geschichte geradezu verliebten Deutschland herrsche eine überbordende „Epidemie des Gedenkens“, ja von einer „Gedenkindustrie“ ist die Rede. Selbst Wissenschaftler warnen, die dauernde Wiederholung dessen, was wir alle doch eh schon in- und auswendig wüssten, führe zu Überdruss und Abwehr. Muss also ein Stadtmuseum auch noch einen draufsetzen und dem Thema einen Teil seiner Dauerausstellung widmen?

Zunächst ist die Frage zu stellen: Stimmt die These vom weitverbreiteten Wissen wirklich? Im Kontakt mit Menschen, die auf unseren jüngsten Aufruf in den Medien reagierten, dem Museum Dokumente und Objekte aus der NS-Zeit, des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit zu überlassen, erlebten wir etwas anderes: Noch immer haben viele Familien keine Ahnung, welche Rolle die eigenen Angehörigen im Dritten Reich gespielt haben: „Unser Opa hat nie über seine Zeit in Russland gesprochen“, sagten einige. Andere stellten fest „Erst als die Oma tot war, haben wir ein Album gefunden, das uns zeigt, dass sie eine begeisterte BMD-Führerin war.“ Das große Schweigen hielt in vielen Familien bis zum Tod derer, die hätten erzählen können, ob sie sich eingelassen hatten auf Hitlers Gefälligkeitsdiktatur. Was bis heute niemand gerne hört: Die Mehrheit befürwortete die neue Regierung, der Vorname „Adolf“ für Babys kam ab 1933 sehr in Mode.

Wessen Kind oder Enkel bin ich? Diese Frage ist aller Kritik an der vermeintlichen „Gedenkindustrie“ zum Trotz bisher noch nicht in vielen Familien gestellt worden.

Was ging vor sich in dieser Stadt? Diese Frage stellen uns auch Menschen aus aller Welt, die Konstanz als Reisende besuchen. Auf solche Fragen Antworten und weiterführende Anregungen zu geben, das ist ein Teil der Identität unserer Stadt, ja einer Kulturnation ganz generell. Und deshalb haben wir neben den anderen Jahrhunderten der Stadtgeschichte auch die zwölf schlimmsten Jahre der deutschen und lokalen Geschichte mit einer neuen Dauerausstellung bedacht.

Im besten Fall können wir durch die Erinnerung an mutige Menschen sogar etwas bewirken: Dass sich auch jüngere Menschen aus voller Überzeugung für die Freiheit und das Recht, für Bildung und Aufklärung einsetzen. Bildung und Aufklärung sind beheimatet in der freien Wissenschaft, in der Literatur, im Schauspiel, im Film und in der Musik – ohne Zensur und ohne Staatspropaganda.

Wie schön wäre es, wenn die nächste Generation, mitgeprägt durch Vorbilder, als junge Erwachsene an der bleibenden Aufgabe mitarbeiten wollte, die freiheitliche, friedfertige, aber wehrhafte, ressourcenschonende und immer etwas weniger ungerechte Gesellschaft weiterzuentwickeln! Wir Älteren können Euch Jüngere dazu nur einladen: Es ist Eure Entscheidung, es wird Euer Land sein!

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und die dort verübten Verbrechen an der Zivilbevölkerung demonstrieren ja wieder einmal erschreckend anschaulich, wie dünn der Firniss der Zivilisation ist, wie rasch sich die reine Barbarei zeigt. Egal, wie dieser Krieg enden wird, schon jetzt wird deutlich, dass auch unsere Gesellschaft in schwierigen Zeiten wieder mehr Gemeinsinn, aber auch Mut zu echter Veränderung und den Optimismus des Anpackens braucht.

Persönliche Zeugnisse, die noch aus alten Koffern, von Dachböden und aus Holzkästchen in unsere Obhut gegeben werden, sind also niemals leere Artefakte einer angeblich ritualisierten, leeren „Gedenkindustrie“. Aus oppositionellen Flugblättern, aus Feldpostbriefen, Tagebüchern und Fotoalben, aus den Postkarten der nach Gurs Deportierten an die Jüdische Gemeinde Kreuzlingen, aus Prozessakten der Verfahren gegen mutige Fluchthelfer sprechen Leid und Verlust, aber eben auch Mut, Zuversicht und Hilfsbereitschaft. Die Begegnung mit dem materiellen Gedächtnis unserer Vergangenheit kann so auch zu einem meditativen Raum der Reflexion über unsere heutigen Werte werden. Die Botschaft, die uns da herüberweht, ist leicht verständlich: Misstraut den einfachen Antworten, bildet Euch ein eigenes Urteil, nehmt Anteil an der Not anderer Menschen.

Der kleine Dokumentarfilm, den wir zusammen mit der Regisseurin Teresa Renn und Kameramann Kai Lehmann gedreht haben, ist ein, wie wir finden, zeitgemäßer Ausdruck dieser Bewusstseinsarbeit: Er nimmt Sie mit auf einen Spaziergang durch das heutige Konstanz, das uns doch so viel über das Gestern erzählen kann. Wir bringen Orte zum Sprechen, denn: Man sieht ja oft nur, was man weiß. Wenn Sie also künftig nur etwas nachdenklicher durch die eigene Stadt gehen, dann haben wir unsere Aufgabe ganz ordentlich erfüllt.“

Bilder: Aufnahme von der Ausstellung/ T. Engelsing bei seinem Vortrag –  hr