Aus Polen verbannt: Die italienische Auschwitz-Gedenkstätte

Das renommierte Mailänder Architekturbüro BBPR schuf 1980 im Auftrag der italienischen Deportiertenvereinigung ANED im Block 21 des ehemaligen KZ Auschwitz eine – durch Texte von Primo Levi, Musik von Luigi Nono und Gemälden von Pupino Samonà – ungemein beeindruckende Gedenkstätte. Dreißig Jahre später entsprach das Werk nicht mehr der Gedenkstättenkonzeption der polnischen Regierung und musste, um der Zerstörung zuvorzukommen, abgebaut und rückgeholt werden. In Florenz wurde es nun wieder aufgebaut.

Zeitzeugen und KZ-Überlebende schufen in Auschwitz eine aufwühlende Gedenkstätte

Am 13. April 1980 wurde im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau das Memoriale italiano di Auschwitz, die italienische Auschwitz-Gedenkstätte, eingeweiht. Zuvor war Italien – wie auch allen anderen Staaten, die während des Zweiten Weltkrieges von den Nationalsozialisten überfallen und besetzt worden waren und nach Auschwitz deportierte EinwohnerInnen zu beklagen hatten – das Recht eingeräumt worden, dort eine eigene nationale Ausstellung zu errichten; mit der hatte die Associazione nazionale ex deportati nei campi nazisti (ANED) das Mailänder Architekturbüro BBPR beauftragt.

Das 1932 von Gian Luigi Banfi, Lodovico Barbiano di Belgiojoso, Enrico Peressutti und Ernesto Nathan Rogers gegründete Architekturbüro BBPR war dem Thema auch aus persönlicher Betroffenheit verpflichtet: Der Erlass der italienischen Rassegesetze hatte Rogers zur Flucht in die Schweiz gezwungen. Und Gian Luigi Banfi sowie Lodovico Barbiano di Belgiojoso waren als Mitglieder des antifaschistischen Widerstands verhaftet und 1944 über Fossoli nach Gusen deportiert worden, wo Banfi – kurz vor der Befreiung – starb. Lodovico Barbiano di Belgiojoso überlebte die katastrophalen, von Vernichtung durch Arbeit geprägten Haftbedingungen im Konzentrationslager und konnte 1945 nach Italien zurückkehren.

Nach dem Krieg führten Belgiojoso, Peressutti und Rogers das Studio weiter und widmeten sich immer wieder der Gestaltung von Gedenkstätten in Erinnerung an die nationalsozialistischen Verfolgungen: Im Jahr 1946 bauten sie auf dem Mailänder Zentralfriedhof das Monumento ai caduti nei campi di concentramento, in den 1960er Jahren die Gedenkstätte Gusen und 1973 das Museo monumento al deportato in Carpi nahe Fossoli.

In enger Abstimmung mit ZeitzeugInnen und ehemaligen Deportierten – wobei vor allem Primo Levi genannt werden muss – entwickelten Lodovico Barbiano di Belgiojoso und Alberico Belgiojoso vom Studio BBPR in Block 21, einer der Backsteinbaracken des ehemaligen Stammlagers Auschwitz, das Memoriale italiano di Auschwitz: Einen Spiraltunnel aus Leinwänden mit Bildern von Pupino Samonà, der darauf Aspekte des italienischen Faschismus und des antifaschistischen Widerstands, der Deportationen in Vernichtungslager bis hin zur Befreiung durch die Rote Armee vom Alptraum jener Zeit nachgezeichnete – eine Art großes Fresko. Das Geleitwort an die BesucherInnen dieser nationalen Ausstellung stammt von Primo Levi. Der Komponist Luigi Nono gab seine Einwilligung zur Verwendung seines 1966 entstandenen Stückes „Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz“ (Erinnere dich, was sie dir in Auschwitz antaten).

Zu viele rote Fahnen?

Die italienische Gedenkstätte sollte dem Besucher, der zur beklemmenden Musik von Luigi Nono durch den Spiraltunnel über Holzplanken geht, die Bahnschwellen nachempfunden sind, über die die Deportationszüge nach Auschwitz rollten, Nach-Erleben und Erinnern ermöglichen. Die Idee dabei war, nicht bereits realisierte Deportationsmuseums-Konzepte zu wiederholen.

Die Stätte trägt zudem der besonderen Geschichte Italiens Rechnung, das für sich den zweifelhaften Ruhm in Anspruch nehmen kann, unter Mussolini den Faschismus gewissermaßen erfunden zu haben. Der italienische Staat hatte Oppositionelle wie Matteotti oder Gramsci ermordet oder lebenslang eingekerkert und stand nach dem erbarmungslosen, auch mit Chemiewaffen geführten Angriffskrieg gegen Äthiopien ab Mitte der 1930er Jahre stramm an der Seite des nationalsozialistischen Deutschlands. Das Land, das von den Großmachtambitionen des „Duce“ geleitet zusammen mit der Deutschen Wehrmacht zahlreiche Staaten angriff, beging dabei schwerste Kriegsverbrechen und verließ das Bündnis im September 1943 erst, als mit einem Sieg nicht mehr zu rechnen war. So führt der Weg durch den Spiraltunnel auch durch die Ära des italienischen Faschismus bis zur Befreiung.

Dieser von den Italienern für ihre nationale Ausstellung in Auschwitz gewählte Ansatz entspricht nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ nicht mehr der sukzessive veränderten Gedenkstätten­politik Polens. Die im Jahr 2008 verabschiedeten neuen Richtlinien für die Gestaltung der Hauptgedenkstätte wie auch der nationalen Ausstellungen in Auschwitz fordern eine strikt pädagogisch- didaktische Ausrichtung. Diese jedoch bietet das Memoriale italiano nach Ansicht der polnischen Verantwortlichen nicht.

Um den neuen Richtlinien künftig zu entsprechen, bot die ANED daraufhin die Erweiterung des Memoriale um eine erläuternde Ergänzung an. Das genügte den Verantwortlichen des Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau allerdings nicht: Sie bestanden kategorisch auch auf Änderungen am Original und schlossen die Ausstellung im Sommer 2011 für BesucherInnen.

Die offizielle Pressemitteilung zur Schließung besagt, die italienische Ausstellung sei „not educational in any way, it failed to meet the basic requirements for national exhibitions as set by the International Auschwitz Council, which have been in force since the 1990s“. Kunst um der Kunst willen läge hier vor, was in eine Kunstgalerie gehöre – aber nicht nach Auschwitz.

Italienische Medien mutmaßten hingegen, die Abbildung von Gramsci, rote Fahnen mit Hammer und Sichel und die bloße Erwähnung, dass Auschwitz durch die Rote Armee befreit wurde, hätten in Wahrheit zur Schließung der italienischen Ausstellung geführt.

Von Auschwitz nach Florenz

Es gab viele Bemühungen, den Erhalt des Werkes in Auschwitz sicherzustellen. Eine Einigung kam allerdings nicht zustande. Schließlich forderte das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau die ANED als deren Besitzerin auf, das Memoriale aus Auschwitz zu entfernen.

Im Jahr 2016 sorgte die ANED für die Rückführung. Mit Unterstützung der Region Toskana und der Stadt Florenz wurde dort mit dem Kulturzentrum EX3 im Stadtteil Gavinana ein Ort gefunden, an dem das restaurierte Werk wieder aufgebaut werden konnte. Seit Mai 2019 ist das Memoriale italiano di Auschwitz jetzt wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.

Im Erdgeschoss des Gebäudes erläutert die Ausstellung „Un filo ininterrotto. La memoria della Deportazione e il Memoriale di Auschwitz“ die historischen Hintergründe. Von dort gelangt man über einen Treppenaufgang in den ersten Stock, wo unter der Leitung von Alberico Belgiojoso das Memoriale italiano di Auschwitz wiederaufgebaut wurde. Wie im Block 21 in Auschwitz werden die BesucherInnen hinter der Tür nun wieder von Primo Levis Worten „Al Visitatore“ empfangen.

Unbedingt sehenswert!

Sabine Bade (Text und Fotos)