Eine konkrete Sehnsucht ist schön bunt

In seinem kurzen Leben – 1887 bis 1914 – hatte August Macke offenbar nur Glück gehabt. Er wächst im Rheinland auf, lernt eine wunderschöne junge Frau aus reichem Hause kennen und heiratet sie. Materiell muss er sich keinerlei Sorgen machen. Märchenhaft günstige Bedingungen für ein Gelingen von Liebe und Schöpferkraft. Entsprechend unverstört kann August Macke sich entfalten, 10 Jahre lang malen, was sein Herz begehrt. Viele seiner Werke sind derzeit in Lindau zu bewundern.

Er reist herum in Westeuropa, er lernt Franz Marc kennen, „Der Blaue Reiter“ bindet ihn ein in eine kreative Künstlergruppe, die Welt steht ihm offen, und die berühmte Tunisreise im Jahr 1914 beschert ihm wunderbar leuchtende Motive, unterwegs an seiner Seite zudem der große Maler Paul Klee. Zuguterletzt, möchte man sagen, denn nun spätestens läuft parallel im Hintergrund der vernichtende Countdown imperialen Größenwahns, von dem offensichtlich keinerlei Schatten fiel auf das kurze Lebensglück des August Macke. Eine einzige Kreidezeichnung im Lindauer Stadtmuseum – „Paar bei Kronenkranichen“, datiert 1914 – frappiert mit einer unendlichen Traurigkeit, vielleicht eine nicht mehr zu verdrängende Vorahnung des jungen Mannes.

44 seiner Werke hängen nun im barocken Stadtmuseum zu Lindau, Ölbilder, Aquarelle und Kohlezeichnungen, größtenteils aus Privatsammlungen entliehen. Porträts, Stillleben, Landschaften, Gärten und Parks – von seltener Harmonie erstrahlen diese Bilder, ja alle ein bisschen so, als gäbe es kein Morgen, vor allem keine irrsinnige Zerstörung ist darin vorstellbar, Paradies pur, Gediegenheit jenseits von sozialem Elend, diesseits von einem ersten Weltkrieg, in dem auch August Macke mit seinen nur 27 Lebensjahren untergehen wird, wie sage und schreibe 17 Millionen Menschen über den Globus verteilt gewaltsam sterben mussten. Auch sie hätten ja gerne weiter gelebt.

Umso weniger verwundert es, dass auch heutigentags – da wir, die Wissenden über die verheerende Vergangenheit und wir, die Ahnenden einer verhängnisvollen Zukunft, welche sich aus aktuell zuspitzenden menschengemachten Bedrohungen unserer globalen Gegenwart wahrscheinlich entwickeln wird – viele Menschen hier an den schönen Bodensee reisen, Kräfte tanken, um diese farbenfreudige Leichtigkeit sowohl der Natur, als auch der sinnenfrohen Kunstwerke von August Macke quasi erholsam für Leib und Seele sich angedeihen zu lassen. Und – Kraft brauchen wir alle unbedingt, denn „Es kommen härtere Tage“ (Ingeborg Bachmann).

Die Ausstellung „Flaneur im Garten der Kunst“ im Stadtmuseum in Lindau dauert bis zum 26. August. Täglich geöffnet von 10 – 18 Uhr.

Marianne Bäumler (Macke-Bild: Frau, eine Blumenschale tragend)