Nach der Flucht ist vor der Integration

Moustapha Diop, der Flüchtlingsbeauftragte der Stadt Konstanz (Foto), hat seinen Tätigkeitsbericht vorgelegt. Dieser Bericht lässt erahnen, wie viele Facetten der Prozess der Integration von annähernd 1000 Geflüchteten in die Boden­see­metropole haben wird. Mit Willkommens­kultur allein ist es nicht getan, nötig sind eine langfristige gesellschaftliche Anstrengung, eine breite Kommunikation und das dauer­hafte Engagement zahlreicher Menschen – auf allen Seiten.

Die dürren Zahlen verbergen das Ausmaß der humanitären Katastrophen der letzten Jahre, sie lassen aber zumindest erahnen, welch erhebliche Aufgaben auf die Stadt Konstanz – wie auf alle deutschen Landkreise und Kommunen – in den nächsten Jahren zukommen werden. Daran erinnert der Tätigkeitsbericht des Konstanzer Flüchtlingsbeauftragten Moustapha Thioune Diop, der die Entwicklungen der letzten Jahre widerspiegelt. Danach lebten im März rund 950 geflüchtete Menschen in der Stadt Konstanz, von denen derzeit 514 in Gemeinschaftsunterkünften des Landkreises und 436 in städtischen Anschlussunterkünften oder in Privatwohnungen untergekommen sind. Spitzenreiter unter den Herkunftsländern sind Syrien und Irak.

Integration

„Von den in Anschlussunterkünften lebenden Menschen liegt aktuell der Anteil derer, die in städtischen Wohnungen leben, bei rund 32 %. Der Anteil derer, die in den Gemeinschaftsunterkünften des Landkreises in Konstanz leben und auszugsberechtigt sind, liegt derzeit bei ca. 48 %.“ Das heißt, dass rund 250 Menschen derzeit das Recht hätten, statt in den oft kaum menschenwürdigen Gemeinschaftsunterkünften in einer (zumeist) besseren Anschlussunterkunft zu leben. Es ist also eine vordringliche Aufgabe der Stadt, in absehbarer Zeit entsprechenden zusätzlichen Wohnraum zu schaffen.

Eines wird bei der Lektüre des Berichtes deutlich: Wer glaubt, mit dem Rückgang der Flüchtlingszahlen sei die Angelegenheit erledigt, der irrt. Diop schreibt: „Die wachsende Verantwortung der Stadt Konstanz für anerkannte und/oder auszugsberechtigte Geflüchtete bedeutet, dass die Kommune seit 2017 stärker bei der Integration von Geflüchteten in die Quartiere und insgesamt in die Gesellschaft gefordert ist.“ Anders gesagt: Nachdem früher die pure Unterbringung der Menschen, wo und wie auch immer, die dringlichste Aufgabe war, geht es jetzt darum, Geflüchtete dabei zu unterstützen, einen Platz in dieser Gesellschaft zu finden, so schwer das beide Seiten im Einzelfall auch ankommen mag. Dieser Prozess erfordert viel Zeit und wird kaum spektakuläre Fernsehbilder liefern, umso wichtiger ist es, immer wieder an dessen Notwendigkeit zu erinnern.

Netzwerke bilden

Der Konstanzer Flüchtlingsbeauftragte seinerseits ist für ein breites Aufgabenspektrum verantwortlich, das von sozialen und rechtlichen Hilfestellungen für Geflüchtete über die Politikberatung bis hin zur Zusammenarbeit mit einem großen, durchaus inhomogenen Helferkreis mit den unterschiedlichsten Zielsetzungen reicht. Diops Hauptaufgabe ist neben der Integrationsarbeit die Zusammenarbeit: „Im Arbeitskreis der Integrations- und Flüchtlingsbeauftragten im Landkreis Konstanz (AKIF), in der AG ‚Arbeiten in Deutschland‘ und den unterschiedlichen Netzwerken geht es in der Regel um die Besprechung von strukturellen Hürden und von praxisbezogenen Engpässen in der Flüchtlingsarbeit oder der Integrationsförderung im Landkreis und in der Stadt Konstanz, aber auch um den Informationsaustausch und um die gemeinsame Erarbeitung von Lösungsansätzen und konkreten Handlungsempfehlungen. Der AKIF ist ein Forum, das dem Austausch über die tägliche Flüchtlingsarbeit und der Planung und Durchführung“ konkreter Maßnahmen dient. Dazu zählen etwa Workshops wie ‚Argumentieren gegen rechts‘ oder die Vorbereitung und Umsetzung einer Kampagne zur positiven Besetzung des Themas ‚Vielfalt im öffentlichen Raum‘ des Landkreises Konstanz im Jahr 2018.

Oft ist der Bildungshintergrund der Neuankömmlinge sehr begrenzt. Gemeinderätin Anne Mühlhäußer (FGL), hauptberuflich Lehrerin an der Geschwister-Scholl-Schule, wies darauf hin, wie schwierig es sei, in den Integrationsklassen mit geflüchteten Kindern zu arbeiten. Viele seien traumatisiert, kaum „beschulbar“ und wenig konzentrationsfähig. Außerdem hätten sie aufgrund der schlechten Bildungssysteme in ihren Herkunftsländern meist mehrere Jahre Rückstand gegenüber deutschen Schülern und seien aufgrund der miesen Verhältnisse in den Gemeinschaftsunterkünften kaum in der Lage, auch nur rudimentär ihre Hausaufgaben zu erledigen. Das hörte sich nach dem Hilferuf einer erfahrenen Lehrerin an.

Wie geht es weiter?

Natürlich steht die Information und Beratung im Mittelpunkt der Arbeit von Diop. Zu seinen Kommunikationsmitteln zählt etwa die App „Integreat“, die es in einer Konstanzer Version derzeit auf Englisch und Arabisch und demnächst auch auf Farsi gibt. Außerdem fördert er verschiedene Aktivitäten und Veranstaltungen wie Infoabende oder die Schulungsreihe „Leben in Deutschland“ in der Gemeinschaftsunterkunft Atrium.

Diops Stelle ist allerdings bis zum 31.12.2018 befristet. „Sie wurde vor dem Hintergrund des starken Flüchtlingszustroms Ende 2015 geschaffen, um für die Entlastung der Integrationsbeauftragten zu sorgen, aber auch, um die strukturelle, konzeptionelle und Vernetzungs- bzw. Koordinierungsarbeit im Kontext der städtischen Flüchtlings- und Integrationsarbeit mitzugestalten und zu steuern. Inzwischen hat der Flüchtlingszustrom in den Landkreis Konstanz stark abgenommen mit der Konsequenz, dass die Stadt Konstanz sowohl bei der Unterbringung der vom Landkreis Konstanz auszugsberechtigten Geflüchteten als auch bei deren Integration im städtischen sozialen Raum gefordert ist.“

Angesichts der Größe und Fülle seiner Aufgaben sowie seiner bisherigen engagierten Arbeit dürfte die Verlängerung der Stelle des Flüchtlingsbeauftragten über das Jahresende hinaus wohl eine Selbstverständlichkeit sein.

O. Pugliese (Foto: Stadt Konstanz)

Weitere Informationen:
https://www.konstanz-fuer-fluechtlinge.de/Startseite/
Tätigkeitsbericht des Flüchtlingsbeauftragten
Das Konstanzer Bündnis für Flüchtlingshilfe