Zwischen allen Stühlen … Das YOU im TOPOS. Zur Ausstellung „Youtopia“

Noch bis zum 22. Oktober öffnet die Ausstellung „Youtopia“, die gemeinsam von Studierenden der Universität, der HTWG und der Musikhochschule Trossingen gestaltet wurde, im Turm zur Katz ihre Tore. Unser Autor hat sie besucht.

Es ist ein Jubiläum: Zum fünften Mal kehrt der zweijährige Zyklus „Mediale Ausstellungsgestaltung“ im Turm zur Katz wieder[1]. Das sind 10 Jahre, in denen Studierende der Informatik und der Geschichtswissenschaft der Universität mit Studierenden der Architektur und des Kommunikationsdesigns der HTWG gemeinsam große Ausstellungsprojekte entwickeln, denn jede Ausstellung hat einen viersemestrigen Vorlauf. In diesem Rahmen durchlaufen Studierende alle Stadien der Planung und Durchführung einer Ausstellung. Dabei müssen sie nicht nur Neues in der je eigenen Disziplin erlernen, sondern auch, mit den Arbeitsweisen und Organisationsformen anderer Fächer und anderer Hochschultypen zu kommunizieren, sich auseinanderzusetzen, Kompromisse zu suchen und gemeinsam Entscheidungen zu fällen.

Das aufwändige Lehrprojekt ist gleichzeitig ein soziales Experiment. Das gilt umso mehr, als die Gruppe der mitarbeitenden Studierenden nicht über vier Semester stabil bleibt. Vielmehr verlassen immer wieder Menschen die Gruppe, andere kommen hinzu. Das Programm ist nicht nur im Zusammenhang, sondern auch in seinen einzelnen, je ein Semester umfassenden Teilen besuchbar. Anders wären solche mehrsemestrigen Projekte in Studienverlaufsplänen gar nicht umsetzbar. Zu HTWG und Universität kam bei der Ausstellung „LINK“ (2019), deren Thema die Künstliche Intelligenz war, erstmals auch die Musikhochschule Trossingen hinzu. Ein weiteres Fach, ein weiterer Hochschultyp und obendrein ein ganzes Stück Entfernung, das es zu überbrücken gilt.

Inhaltliche, gestalterische und mediale Bezüge werden gemeinsam entwickelt und dabei jedes Mal auch neue, unerprobte Wege beschritten. Dabei geht auch schon einmal etwas schief oder muss nachjustiert werden. Das kann aber auch gar nicht anders sein, wenn man forschend arbeitet und Prototypen entwickelt, statt auf stabile, gut im Masseneinsatz erprobte Standardmodelle zurückzugreifen. Obendrein ist es die Arbeit von Lernenden und nicht von gut ausgestatteten und hoch bezahlten Agenturen. Wer lernt, macht Fehler und muss sie machen dürfen. Das bedeutet aber nur, dass auch während der Laufzeit dieser Ausstellungen Studierende kontinuierlich daran arbeiten – hier muss eine Medienstation wieder ans Laufen gebracht, ein Server neu gestartet werden. Dort hat sich eine Folie gelöst oder ist ein Spielobjekt abhandengekommen. So hört das Lernen mit der Vernissage nicht auf, sondern auch die Durchführung der Ausstellung selbst bleibt ein Lernort.

Die Stadt Konstanz profitiert immens von diesen Projekten, da sie Ausstellungen zeigen kann, die sich eigentlich nur ganz große Museen leisten können. Denn aus externer Perspektive sind diese Ausstellungen ja günstig: Weder die manpower der Beteiligten noch die Arbeitsstunden der die architektonischen Ideen umsetzenden Wissenschaftlichen Werkstätten müssen aus Projektmitteln finanziert werden. Und die schiere Begeisterung, das Überschießen der Ideen, die Bereitschaft, sich ins Unbekannte zu begeben, gibt es gratis obendrein.

Nachdem die ersten beiden Ausstellungen archäologischen Themen – einem Grabungshügel in Syrien und der von der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ zerstörten antike Ruinenstadt Palmyra – gewidmet waren, widmeten sich die darauffolgenden Ausstellungen aktuellen Themen, nämlich der Künstlichen Intelligenz einerseits und dem Umgang mit Pandemien andererseits. Die noch bis zum 22. Oktober zu sehende aktuelle Schau trägt den Namen „Youtopia“ und stellt utopische Stadtmodelle ins Zentrum.

Menschheitsgeschichte ist zu einem großen Teil Stadtgeschichte. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass nomadische Gesellschaften, die keine festen Bauwerke hinterließen und häufig auch keine schriftlichen Artefakte, kaum Eingang finden in unser von materiellen Zeugen geprägtes Geschichtsbild. Gleichzeitig hat sich diese Form des Zusammenlebens ja durchgesetzt und stellt den Keim zu dem dar, was wir heute als „Staat“ begreifen. Und so beginnt die Erzählung der Geschichte menschlicher Gesellschaften gern mit den Stadtstaaten Mesopotamiens – es ist deshalb kein Wunder, das sich auch kleine Spuren der babylonischen Stadtgeschichte in der gegenwärtigen Ausstellung finden. Städte haben im Unterschied zu offenen Ansiedlungen oder Dörfern einen anderen Planungsbedarf und -anspruch. In einer der frühesten überlieferten Erzählungen der Menschheit wird vom König Gilgamesch berichtet und von der großen Mauer, mit der er seine Stadt Uruk umgab, um sie von ihrer Umgebung, die durch eben diese Mauer zur ‚Wildnis‘ wurde, zum unbehausten, gefährlichen Raum, zum Chaos. Innerhalb der Mauern jedoch herrscht Ordnung – das gilt bis in die Versorgung hinein, die schnell (und weltweit) auf gut lager- und kleinteilig abzählbare Getreide – Korn, Mais, Reis – umgestellt wurde. Stadt und Zahl bilden historisch einen unverbrüchlichen Zusammenhang.

So nimmt es auch kein Wunder, dass ideale Städte, wie sie Politiker:innen, Philosoph:inn:en, Architekt:inn:en und Stadtplaner:innen vorschwebten, immer wieder einfachen geometrischen Modellen folgten: der Linie, dem Raster, dem Stern oder dem Kreis. Vertikal und/oder horiontal. Ganz nach Gusto und Zeitgeist. Nachdem Besucher:innen im Erdgeschoss fünf verschiedene utopische Stadtentwürfe, die modellhaft für fünf städtebauliche Kategorien (Zweck, Natur, Infrastruktur, Teilhabe, Bedürfnisse) stehen, in beeindruckend immersiven Videogroßprojektionen auf drei Wänden und in kurzen Texten auf der vierten kennenlernen durften, ist der erste Stock der Ausstellung diesen vier geometrischen Figuren gewidmet. Das lässt sich ästhetisch an den Wänden wunderbar nachvollziehen, wo die Linie sich ins Raster vervielfacht, um sich dann parallelogrammverschoben zu den rautenförmigen Teilen eines Sterns zu verschieben, der – last but not least – bei der angeblich vollkommensten aller Figuren der Euklidischen Geometrie, dem Kreis, zu landen.

Menschen begegnet man erst ein Stockwerk darüber. Die nur durch eine einzige steile Treppe aufwärts gerichtete (zurück ist eben nur ‚zurück‘ …) architektonische Schichtung des Turms erzwingt ein räumliches Nacheinander, das in Ausstellungen eben auch ein inhaltliches ist. Diese Ausstellung denkt die Stadt zwar nicht ausschließlich architektonisch, aber doch von der Architektur her und nicht vom sozialen Miteinander. Das ist möglicherweise der zentrale Einwand, den man gegen sie erheben könnte. Wer Gesellschaftsentwürfe in einfache geometrische Gewänder presst, der ordnet Gesellschaft nach Plan von oben her. Dabei verfügen auch soziale Utopien, die nicht primär architektonisch gedacht sind, über intrinsische, in Architektur übersetzbare Räumlichkeitsvorstellungen – es geht immer um Fragen des Neben- oder Übereinanders, der Nähe und der Ferne, der Durchlässigkeit und Abgeschottetheit des Sozialen.

Gesellschaftsutopien denken manchmal geometrisch, oft aber eher organisch, evolutionär wachsend oder systemisch-prozesshaft. Es wäre spannend gewesen, den architektonisch-stadtplanerischen soziale Utopien zur Seite zu stellen und für diese Gegenüberstellung auch gleich eine ästhetische Gegenwelt zu entwerfen. Die Welt dieser Ausstellung ist glatt, operiert mit glänzenden, manchmal irisierend schillernden Oberflächen, selbst dort noch, wo man Kläppchen öffnen oder Schiebetüren bewegen kann, sich also ‚unter‘ die Oberfläche bewegt. Zur flächigen Glätte passen die omnipräsenten realen und virtuellen Displays, die Informationen vertiefen oder Interaktion ermöglichen. Trotz des You im Titel bleibt das Nirgendwo des utopischen Ortes – das ou des topos – sehr präsent.

Die Ebene der Stadtbewohnerinnen und -bewohner ist stärker durch das Hören geprägt als die anderen Teile der Ausstellung. Durch das Ohr dringen auch kritische Töne – so etwa zur 170 Kilometer in Wüstensand und Felsen gegrabenen Linienstadt „NEOM“ des saudiarabischen Kronprinzen, gesprochen von einem – vielleicht fiktiven, vielleicht realen, das erfährt man leider nicht – Beduinen, der aus dieser angeblich unbewohnten Wüste vertrieben wurde: „Hier wird nicht nur mit Sand, sondern mit Blut gebaut.“ Wie, so könnte man leicht resigniert hinzufügen, eigentlich alle architektonischen Großprojekte der Herrscher dieser Welt quer durch alle Zeiten, quer durch alle Gesellschaften und Länder.

Doch, wiewohl diese kritischen Töne da sind – etwa auch die Aussage einer Sklavin über eine Rasterstadt, in der alle Häuser und Straßen einander ähneln und man sich deshalb nicht zurechtfindet oder der Stoßseufzer eines amerikanischen Bewohners der spiralförmig angelegten Stadt Auroville in Indien, der sich über die vielen Touristen, die die spirituelle Einkehr stören, beklagt –, wiewohl es also doch Gegenperspektiven zur allzu glatten Oberfläche gibt, so dominiert diese doch den Raum.

Im letzten und obersten Stockwerk schließlich kann man der eigenen Stadtutopie begegnen. Direkt am Eingang erhält jede Besucherin und jeder Besucher ein weißes, mit schwarzem Muster am Boden versehenes Hochhaus aus Kunststoff. Dieses Hochhaus ist das zentrale Interaktionsmedium – man loggt sich eingangs ein und findet immer wieder leuchtende Interfaces, auf denen man es abstellen kann, um Medieninhalte zu aktivieren. Besonders eindrücklich sind die zusätzlichen virtuellen Ebenen, die ganze Wände überspannen und die man mittels eines Tablets erkunden kann. Auch diese Ebenen beinhalten weitere Informationen in Text und Bild, die sich durch das Berühren von markierten Stellen auf dem Tabletdisplay aufrufen lassen.

An verschiedenen Stellen werde ich aufgefordert, Entscheidungen zu treffen: finde ich Straßenbau wichtiger oder Grünanlagen? Die Antworten auf diese Entscheidungen bilden die Datengrundlage für jenes Stadtmodell, das man im obersten Stock über eine VR-Brille erkunden kann. Das ist eine tolle Idee, die das Team Mediale Ausstellungsgestaltung auch in anderen Projekten schon in anderen Formen durchgespielt hat: Besucher:innen erarbeiten sich Wissen beim Gang durch die Ausstellung und können dieses Wissen nutzen, Entscheidungen zu treffen, um schließlich die Summe dieser Entscheidungen selbst anschauen und reflektieren zu können.

Nun ist eine Stadt freilich ein sehr komplexes Gebilde, angesichts dessen die Fragen, die man per Spielzeughochhaus beantworten kann, allzu wenige und allzu schematische sind – zumal wenn dieses Häuschen als Eingabemedium dann doch nicht ganz so smooth auf den Versuch reagiert, es auf den Interaktionsflächen hin und her zu schieben, um so den gewünschten Wert zu erhalten. So wunderte es mich gar nicht, im obersten Stock mit einer Stadt konfrontiert zu werden, die ich so niemals konzipiert hätte und in der ich auch nicht leben wollen würde. Nein, das ist nicht mein iTopia, das ist eher eine Aussage über meine misslungene Interaktion mit den Medien der Ausstellung.

Aber auch, wenn Sie Ihrer Idealstadt am Ende des Ausstellungsbesuchs nicht begegnen sollten oder für angebliche Fehlentscheidungen im Feedback gerügt werden, lohnt ein Besuch dieser Ausstellung als Erlebnis, das ästhetisch beeindruckt und manche Frage aufwirft, die noch lange im Kopf nachschwingt, wenn Sie den Turm zur Katz längst verlassen haben.

Alle Informationen zum Ausstellungsbesuch finden Sie auf der Website www.youtopia-konstanz.de. Über das Studienprogramm „Mediale Ausstellungsgestaltung“ können Sie sich auf www.mediale-ausstellungsgestaltung.de informieren.

Text: Albert Kümmel-Schnur, Bilder: Corinna Gratzl

[1] Es gab über diese fünf Ausstellungen hinaus noch eine sechste, die im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe realisiert wurde (https://mediale-ausstellungsgestaltung.de/blmkarlsruhe-2/).