Galveston braucht Hilfe- fahren Sie einfach hin
In diesem Jahr – es ist der fünfte Jahrestag – werden wohl alle vom Hurrikan „Katrina“ sprechen, der am 28. August 2005 New Orleans verwüstete. Etwa drei Jahre später zerlegte „Ike“ Galveston Island. Die Insel bietet wenig Widerstand, ist 30 Meilen lang, dabei so schmal, dass man zu Fuß für die Querung nur eine halbe Stunde braucht. Und der Wiederaufbau des Eilandes ist immer noch in Gange – ein Reisebericht der etwas anderen Art.
Eine Frau von der FEMA, der nationalen Koordinationsstelle für Katastrophenhilfe, beschreibt den Unterschied zwischen New Orleans und Galveston so: „In New Orleans sitzen die Leute heute noch auf der Veranda und warten, das alles in Ordnung gebracht wird. Nach den ersten Rettungskräften kamen die Galvestonians zurück und schippten Schlamm. Die Leute haben ihren Stolz und lieben ihre Insel.“
Wie New Orleans litt die Insel vor allem unter den Flutwellen. Schlimmer als die Golfseite, die nur Salzwasser abbekam, traf es die Hafenseite: Dieselöl, Benzin und toxischer Schlick mit Substanzen, die man lieber nicht genau kennen möchte, verdichteten sich zu einem Gebräu, das viele der Lebens-Eichen absterben ließ, also jener majestätischen Schattenspender, derer eine Stadt mit subtropischem Klima dringend bedarf. Wer sich hier ein Fahrrad mietet, und das ist dringend zu empfehlen, weiß jeden Sonnenschutz zu schätzen.
Als wäre das nicht genug: Im Januar vernichtete Frost einen Teil der Palmen – Frost gibt es sonst nie. Aus vielen Baumstümpfen hat der Künstler Dale Lewis mittlerweile Schnitzereien gefertigt, die vor allem in der Ball-Street zu besichtigen sind. Auch in Ausstellungen kann man Handgeschnitztes aus „iked wood“ bewundern.
Im Wiederaufbau hat man Erfahrung
Aber auch die Meerseite hat es heftig abgekriegt: Dem Flagship Hotel, nicht unbedingt eine Zierde seiner Zunft, aber immerhin doch aus robustem Beton, hat es die Fassade zerzaust und die Zufahrt – schwere Betonplatten – davongetragen. In Kuba würde es so nicht weiter auffallen. Leider hat es auch den Balinese Room komplett weg gespült, ein nationales Kleinod auf einem alten Pier. Ein Barmann des Etablisssements, früher ein „Speakeasy“ von zweifelhaftem Ruf, reklamiert für sich, die Margarita erfunden zu haben.
Namensgeber der Stadt ist übrigens der mexikanische Vizekönig Benito de Galvez, der allerdings nie einen Fuß hierher gesetzt hat. Im Hotel Galvez gaben sich u.a. die Präsidenten Roosevelt und Eisenhower, der Spielerkönig Sam Maceo und andere Halunken die Ehre. Der jetzige Besitzer, George Mitchell, hat sich schon immer um die Restauration alter Häuser verdient gemacht – nach Ike langte er tief in die Brieftasche.
Im Wiederaufbau hat man Erfahrung. Im Jahre 1900 fegte ein Sturm durch die Stadt, der 6000 Menschen in den Tod riss. Damals trugen Hurrikane noch keine Namen, dafür hat jener es zu einem eigenen Museum gebracht, wo man die damaligen Verheerungen besichtigen kann, es ist auch schon wieder geöffnet.
Die Insel wächst um eine Etage
Seine Rolle als bedeutendster Hafen westlich des Mississippi musste Galveston damals an Houston abgeben. Wenigstens errichtete man danach einen Seedeich sowieso eine verlässliche Brücke zum Festland. Die Stadt dahinter wurde buchstäblich angehoben, tatsächlich Gebäude um Gebäude mit allen Mitteln der Hydraulik in die Höhe geliftet und dann Stelzen drunter befestigt. Anschließend wurde das Hafenbecken ausgepumpt und die schlammige Masse in die Stadt geleitet. In der sengenden Hitze trocknete das Gemisch schnell und danach befand sich Galveston eine Etage höher. Glücklicherweise – denn Galveston ist immer noch ein architektonisches Kleinod mit seinen Südstaatenvillen, viktorianischen Anwesen, den „Vernacular Greek Houses“, also griechisch inspirierten Gebäuden, sogar die „Shotgunhouses“, kleine Häuschen, die nur aus einem in die Länge gezogenen Gebäude bestehen, durch das sich lässig ein Schuss hindurch feuern ließe, entbehren nicht des Charmes.
Besonders wuchtig sind die Paläste, die Architekt Nicholas J. Clayton errichtet hat. Der Architekturkritiker Howard Barnstorn schrieb, dass Galveston vielleicht nicht gerade die städtebauliche Qualität der Avenue de l’Opéra in Paris erreicht hätte, dieser aber näher gekommen sei als nirgends sonst in Texas und womöglich im gesamten Westen. Trutzburgen wie die Moody Mansion, die auch dem Grafen Dracula gefallen würde, gibt es ohne Zahl. W.L. Moody war ein Finanzmagnat, der als Baumwollfabrikant 1865 in Galveston anfing und dessen Familienvermögen heute auf 500 Millionen Dollar geschätzt wird.
Etwa 1100 Häuser wurden nach Ike auf der gesamten Insel verlassen. Aber wie so häufig erwächst aus der Katastrophe auch Gutes, z. B. Nachbarschaftssinn. „Leute, die womöglich miteinander sterben müssen, sollten lernen, miteinander zu leben“, hat ein gewisser Harris K. Kempner gesagt, weshalb man ihm spontan eine Strasse gewidmet hat. Die Galvestonians lassen sich nicht unterkriegen und kümmern sich umeinander. Überall hört man sie werkeln, paradiesische Zeiten für Baumärkte.
Alles Alte wird wieder neu
In einem Lokalblatt steht: „Die Firma Mitchell Historic Properties lädt Sie ein, die Downtown von Galveston wieder zu entdecken, wo alles Alte wieder neu ist.“ Und das ist nicht mal abschreckend gemeint, denn man gibt sich wirklich Mühe, originalgetreu zu rekonstruieren – schließlich verdient man sein Geld mit der Historie. Noch etwas Gutes: Seit Ike funktionieren die Parkuhren nicht mehr. Zudem beflügelte er manche Geschäftsidee: Nachdem an der Küste viele aufgebockte Häuser ihrer Treppen verlustig gegangen waren, annoncierte ein cleverer Zimmermann: „Treppen in nur einem Tag!“ Gerüstbauer und mexikanische Wanderarbeiter dürfen sich die Hände reiben.
Ike traf am 8. September 2008 auf die Stadt. „Danach war es totenstill. Die Vögel kamen erst im März wieder. Es kann Momente geben, da vermisst man sogar Tauben“, sagt Sam, der die Stadt wie so viele verlassen hat. Offizielle Zahlen sprechen davon, dass zwar nur 6 Prozent der Einwohner Galveston den Rücken gekehrt haben, in einem Land ohne Meldepflicht sind diese Zahlen aber mit Vorsicht zu genießen. Außerdem geht es um Steuergelder – die Einwohnerzahl darf keinesfalls unter 50.000 sinken. Der Besitzer von Midsummernite Books ist weggeblieben, was in Zeiten von eBooks und Ketten auch andere Ursachen haben kann. Das Lunchboxcafé hat den Standort gewechselt, nachdem der alte Land unter war: Es ist nun schöner und geräumiger. Viele Häuser sehen dank großzügiger Versicherungsprämien besser aus als je zuvor. Und überall flattern diese kleinen, blauen Fähnchen: „Historic Galveston Rebirth!“
Die Stadt hat viel zu bieten
Für eine Stadt von gerade mal 50.000 Einwohnern hat Galveston erstaunlich viel auf der Pfanne: Einen immer noch bedeutenden Hafen, vor allem für Kreuzfahrer. Das Hospital, das zur Universität von Texas gehört und Mediziner aus aller Welt ausbildet. Ein wunderschönes, altes Opernhaus. Zwei Nationalparks je an der Ost- und Westspitze der Insel. Im Osten kann man Pelikane beobachten oder die Frachtschiffe, die durch den Galveston Ship-Canal die offene See ansteuern. Im Westen gleiten rosarote Löffler über das Marschland. Dazu gibt es das Kreuzfahrtgalveston, das Badeölgalveston, das Trolleytourgalveston, das T-Shirt-Galveston, Museen wie das Eisenbahnmuseum (im Wiederaufbau) und das Fliegermuseum oder Freizeitparks wie die Schlitterbahn (eine Riesenrutsche) oder die Moody Gardens mit den drei Pyramiden, I-Max-Kino und eigenem Regenwald. Dann wiederum das texanische Galveston mit Pickuptrucks, Walmart und haarigen Steaks, wie Kinky Friedman sie nennt. Vor allem aber das architektonische Galveston.
Natürlich ist Galveston eine Touristenstadt, aber eben nicht nur: Es gibt immer noch genügend Lokalitäten, in denen keine Kreditkarten akzeptiert werden. Ein guter Tag in Galveston kann im El Jardín beginnen, einem der sichersten Restaurants in Texas, handelt es sich doch um das bevorzugte Wasserloch der Polizisten. Ein einfacher Laden ohne Schnickschnack. Gemütlich ist es nicht, eher authentisch. Neonlampen, Mex-Kitsch an den Wänden, bemalte Gitarrenkörper ohne Abdeckung als Setzkästen. Oder Ölschinken, die öliger sind als das Essen. Das Frühstück ist robust, vor allem die hausgemachte Hot Sauce. Egal, was man bestellt, gut ist alles – aber nie ohne die Sauce! Kreuzfahrttouristen wird man hier vergeblich suchen.
Für den Lunch bietet sich Casey’s an, das eigentlich zum berühmten Fischrestaurant Gaido’s gehört, als billigere Variante bei gleicher Aussicht auf den Golf. Und abends, ebenfalls auf dem Seawall Boulevard, Benno’s mit seinen Meeresfrüchten auf Cajun-Art, oder, noch besser, Sonny’s – „serving the locals since 1944“ – was man dem Laden durchaus ansieht. Das Essen ist fantastisch, schnörkellose Küche, gerade heraus, z.B. am „Gumbo Friday“, den man sich keinesfalls entgehen lassen sollte. Die Jukebox bietet nicht nur Country, sondern auch Western. Hier kann man sich gut vorstellen, wie es damals zuging an der Golfküste, in der sog. guten alten Zeit. Wände sind gepflastert mit bizarren Schwarz-Weiß-Fotos von Menschen in Mardi-Gras-Kostümen oder Burschen wie Earl „Red“ Hooper und Lyle Bobo, die auf einer Riesenschildkröte reiten, die sie eben aus dem Golf gezogen haben. Pass auf, was du sagst, warnt man auf der Speisekarte: „Behave or be gone!“ Als Hafenstadt verfügte Galveston schliesslich über ein veritables Rotlichtviertel.
Helfen ist ganz leicht
Wie man der Insel helfen kann? Hinfliegen, staunen, Geld ausgeben. Es lohnt sich. Von Frankfurt aus gibt es einen Direktflug nach Houston, von dort einen Shuttleservice (2 Stunden, 55 Dollar) bis vor die gewünschte Haustür. Abgesehen davon, dass man im Osten der Insel ohnehin an einen Punkt kommt, an dem es einfach nicht mehr weitergeht, ist es beruhigend zu erfahren, dass es Orte gibt, die durchaus Sehnsüchte stillen können. Und die nächste Hurrikansaison steht sowieso immer vor der Tür. Deshalb ist dies wohl der meistgehörte Satz in Galveston: „Die Gummistiefel schon weggeschmissen?“
Weitere Informationen: www.galveston.com
Galveston Visitor Bureau 1-800 351-4236
Fotos: simminch, Princeps autem justus
www.flickr.com
Autor: Thomas C. Breuer