Biontech ist das neue Ferrari

Was als Statussymbol gilt, sagt viel über die Zeitläufte aus: Derzeit hat unter besserverdienenden Männern scheint’s die sofortige Biontech-Spritze der lange führenden 25-jährigen Geliebten und dem Ferrari den Rang abgelaufen. Aber immerhin macht der gesellschaftliche Fortschritt auch vor den Alten und Kranken nicht halt: Wer mobilitätseingeschränkt plus impfberechtigt ist, kann einen kostenlosen Fahrdienst von Konstanz nach Singen in Anspruch nehmen, um sich seine Spritze geben zu lassen.

Man wagt es ja kaum zu schreiben, es ist aber die pure Wahrheit: Auch im Jahr zwei der Corona-Pandemie hat es die Obrigkeit noch immer nicht geschafft (wenn sie es denn überhaupt versucht hat), für arme, mobilitätseingeschränkte Menschen eine kostenlose reguläre Transportmöglichkeit zur vielleicht lebensrettenden Impfung in Singen zu organisieren.

Mildtätigkeit statt Daseinsfürsorge

Stattdessen sind diese oft kranken und psychisch angeschlagenen Menschen auf das Wohlwollen freiwilliger HelferInnen angewiesen, aber wenigstens die legen sich ins Zeug, wie die Stadt Konstanz dieser Tage erneut versicherte: „Für impfberechtigte SeniorInnen und Senioren, die aufgrund von Mobilitätseinschränkungen nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln [reisen können] und auch sonst keine Möglichkeit haben, in das Kreisimpfzentrum nach Singen fahren zu können, bieten der Lions-Club Konstanz in Zusammenarbeit mit dem Lions-Club zur Katz, dem Leo-Club und dem Old Table Konstanz sowie das Theater Konstanz weiterhin einen Fahrdienst in das Kreisimpfzentrum Singen an. Für Personen, die auf Grundsicherung angewiesen sind, ist dieser Service kostenlos. Alle anderen mobilitätseingeschränkten Seniorinnen und Senioren können gegen eine Spende, die für soziale Projekte in Konstanz verwendet wird, den Fahrdienst der Service-Clubs ebenfalls in Anspruch nehmen. Bei Bedarf kann man sich an die Stadtverwaltung wenden: 07531/900-2278 oder 900-2262.“

[the_ad id=“70230″]

Nachdem der arme Teil der Bevölkerung lernen musste, dass er keine ausreichenden staatlichen Hilfen zu erwarten hat, sondern sich in Tafelläden um mildtätig dargebotene Nahrungsrückläufer zu balgen hat, sind jetzt jene armen Alten mit ihrer Lektion dran, die in ihrer bedauernswerten Hilflosigkeit von der öffentlichen Hand kaltschnäuzig auf privates Wohlwollen verwiesen werden.

Leih‘ mir Deinen Finger

Ein derartiges Armutszeugnis kommt selten allein, denn nach Singen zu kommen ist schon schwierig genug – aber dort überhaupt erst mal einen Impftermin zu erhalten, kommt einem Sechser im Lotto mit drei Superzahlen gleich. Das Problem ist natürlich erkannt, und was passiert? Die Stadt Konstanz sucht nach Impftermin-Paten, also Privatmenschen, die sich einige Tage oder gar Wochen Zeit nehmen und bereit sind, sich die Finger wund zu tippen, weil die Verantwortlichen anscheinend auch Monate nach Beginn der Impferei immer noch nicht in der Lage sind, die Vergabe von Terminen halbwegs praktikabel zu organisieren – nicht für die Ü80-Jährigen, und was mit den Jüngeren wird, steht wohl noch immer in den Sternen.

Hier der Aufruf der Stadt: „BürgerInnen, die SeniorInnen bei der Organisation von Impfterminen unterstützen möchten, können sich über das Kontaktformular anmelden. Wir haben aktuell so viele Freiwillige, die sich rückgemeldet haben, dass wir noch nicht abschätzen können, wann wir wegen der Vermittlung eines Impflings auf Sie zukommen werden. Über die Vermittlung der Altenhilfe der Stadt Konstanz und des Seniorenzentrums für Bildung + Kultur erhalten die Paten die für die Terminvergabe notwendigen Informationen der zu Impfenden. Die Paten benötigen Zugang zum Internet sowie ein Mobiltelefon.“

Mit anderen Worten: Die Obrigkeit richtet ein – aus welchen Gründen auch immer – kaum zu handhabendes System ein und bittet dann im Namen der auf dieses System wohl oder übel angewiesenen Menschen um mildtätige Hilfe freiwilliger (unbezahlter) Privatpersonen. Mit Verlaub: Wozu braucht mensch eine solche Obrigkeit? Sollte die sich nicht eigentlich fragen, was sie für ihr Land tun kann, statt zu fragen, wer im Land ihr freiwillig die Arbeit abnimmt?

Corona beschleunigt die menschliche Entwicklung

Aber immerhin: Corona bringt die Evolution auf Trab, und es erscheinen alle paar Tage gänzlich neue Formen des homo sapiens, die so im Schöpfungsplan vermutlich gar nicht vorgesehen waren. Eine ganz spezielle Mutation kam mir dieser Tage unter, allerdings stammt sie nicht aus Baden-Württemberg, sondern aus einem anderen deutschen Bundesland, in dem die Entwicklungsbedingungen vermutlich ganz anders sind als in unserem trauten Ländle, weshalb eine Ähnlichkeit mit hiesigen Menschen rein zufällig wäre.

Sie kennen sicher von Klassentreffen her diesen ganz speziellen Typ Klassenkamerad (er ist immer männlich, Frauen habe andere Methoden der sozialen Distinktion entwickelt): Er war nie der hellste, hat als selbstständiger Versicherungsmakler, festangestellter Vertriebler oder Autohändler mit Abitur einen Haufen Kohle gemacht und gibt damit auch ganz ungehemmt an. „Weißt Du, meine zweite Frau ist ja 20 Jahre jünger als ich (erwartungsvoller Blick in die Runde:) … aber meine Geliebten waren nie älter als 25, nicht als ich selbst 25 war, nicht mit 40 und auch jetzt nicht mit 58.“

Achtet auf den Eid

Ein flüchtiger alter Bekannter dieses Typs meldete sich dieser Tage überraschend bei mir und erzählte mir stolz, dass er samt Frau und Kindern jetzt von seinem Hausarzt zum Corona-Impftermin gebeten wurde. Risikogruppe? Fehlanzeige. „Ich bin privat versichert. Das kostet mich im Monat für die ganze Bande 3200 Euro. Ich habe alle möglichen Zusatzversicherungen abgeschlossen, und mache alle Vorsorgeuntersuchungen, die der Arzt mir sagt. Ach ja, jetzt kriege ich übrigens Biontech und nicht dieses andere Zeug.“ Ein anderer Bekannter meldete sich dieser Tage ebenso ungefragt bei mir, um mir stolz mitzuteilen, dass er jetzt seine erste Spritze intus habe: Im kuscheligen Eigenheim nebenan in seiner (etwas in die Jahre gekommenen) gehobenen Wohngegend wohne, so sagte er, eine Ärztin, und die wolle jetzt der Reihe nach die umliegenden Häuschen durchimpfen, „weil sie nicht will, dass sich ihre Kinder beim Spielen mit den anderen Kindern mit Corona anstecken“.

So muss es sein: So manchen ÄrztInnen fällt dieser Tage beim Aufziehen des Impfstoffs scheint’s wieder ein, dass sie eigentlich nicht den Eid des Hippokrates, sondern den des Plutokrates („Ich schwöre, ich will in zwei Jahren nur noch Millionäre behandeln“) geschworen haben. Und für manche ewig Jungen unter unseren Besserverdienenden ist ein Spritzer Biontech das neue Prestigesymbol. Einen Ferrari und eine jugendliche Geliebte kann sich (zumindest in diesen Kreisen) schließlich jeder leisten.

O. Pugliese, Quellen: https://www.konstanz.de/impfpaten, https://www.konstanz.de/273436 (Bild: Toby Parsons bei Pixabay)