Der Klimacamp-Blog (12): Das muss jetzt passieren – Der Weg zu einem klimaneutralen Energiesystem (Teil 2)

Im zweiten Teil unseres Textes über ein klimaneutrales Energiesystem geben wir eine Übersicht über weitere Themen im Zusammenhang mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien. Wir werden in künftigen Blog-Beiträgen auf einzelne Aspekte noch ausführlicher eingehen.

Zurück zum Ausgangspunkt, einer klaren Ansage, und damit zur Industrie: Rund die Hälfte aller Industrieanlagen wird innerhalb der nächsten 10 Jahre das Ende ihrer Lebensdauer erreichen. Da Industrieanlagen im Schnitt 50 Jahre im Betrieb sind, ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, mit der klaren Ansage und weiteren politischen Maßnahmen dafür zu sorgen, dass die Investition in ein klimaneutrales Werk gesteckt wird. Ein neues kohlebetriebenes Stahlwerk wäre eine Katastrophe. Stattdessen wird die Stahlindustrie der Zukunft Eisenoxid mit Wasserstoff anstatt mit Kohle reduzieren. Das bringt uns aber zu drei Problemen und deren Lösungen:

Zumindest momentan ist es teurer, mit Wasserstoff anstatt mit Kohle zu arbeiten. Also braucht es einen ausreichend hohen CO2-Preis, damit die Investitionsentscheidung zugunsten von Wasserstoff ausfällt. Damit verbunden gibt es ein Problem: Erstmal wird der wasserstoffreduzierte Stahl teurer sein als das klimaschädliche Pendant. Damit der Markt jetzt aber nicht mit klimaschädlichem Stahl geschwemmt wird und sich Stahl auch weiterhin im Ausland gut verkauft, muss der CO2-Preis an der Grenze beim Export abgezogen und für importierte Produkte draufgeschlagen werden. Ein Auto würde übrigens mit klimaneutralem Stahl 1% teurer werden. Und passend dazu als kurzer Exkurs: Würden Landwirte doppelt so viel Geld für ihr Mehl bekommen, würde das Brötchen 1 Cent teurer. Rohstoffpreise sind halt auch nicht alles.

Abgesehen davon sind die beiden anderen großen Emittenten der Industrie die Chemie und die Zementbranche. Beide Branchen wären eine genauere Betrachtung wert, aufgrund von Zeitmangel sei hier nur kurz erwähnt: Klimaneutraler Zement ist momentan noch in weiter Ferne, daher wird eine klimaneutrale Wirtschaft nur noch sehr wenig mit Beton bauen.

Wir springen schnell weiter zum nächsten Problem, der Stahlreduktion und deren Lösung: Wasserstoff. Vorweg noch der kurze Einwurf: Es gibt einen ganzen Malkasten an verschiedenen Farben für Wasserstoff, die alle verschiedene Herstellungsarten kennzeichnen. Heutzutage dominiert der graue Wasserstoff, das heißt die Herstellung aus Erdgas, wobei CO2 bei der Produktion entsteht. Der einzig sinnvolle Wasserstoff ist grüner Wasserstoff, das heißt Wasserstoff, der mithilfe erneuerbarer Energien aus der Elektrolyse von Wasser gewonnen wird. Das heißt, Wasser wird mithilfe von Strom in die beiden Elemente Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten. Nun ist das aber leider ein sehr energieintensiver Prozess, weshalb Wasserstoff auch als „Champagner der Energiewende“ bezeichnet wird. Soll heißen: Sinnvoll für die Stahlreduktion, als Langzeitspeicher für Strom über mehrere Wochen und eventuell für den Schwerlastverkehr, aber sicher nicht als Standardlösung für den Verkehr oder das Heizen. Aber zurück zum Problem: Wir brauchen viel Erneuerbare Energie und Wasserstoff-Elektrolyseure und das alles, bevor wir den Stahl produzieren können. Also muss Energiewende mit Industriepolitik zusammengedacht und koordiniert werden.

Nächstes Thema der Energiewende ist das Heizen. Wie anfangs schon erwähnt brauchen wir die klare Ansage eines Verbots neuer fossiler Heizungen. Als Alternativen gibt es v.a. Wärmepumpen. Die werden entweder direkt im Haus installiert oder sie heizen ein Wärmenetz. Wärmenetz heißt im Grunde bloß ein Netz, das warmes Wasser zu mehreren Häusern transportiert. Je nach Größe dieses Netzes spricht man von Nahwärme- oder Fernwärmenetz. Heizungswechsel ist schon mal eine super Sache, sollte meistens aber in Kombination mit der Dämmung von Häusern stattfinden. Dies ist eine der Maßnahmen, die unseren Energieverbrauch wirklich deutlich senken wird. Da nur wenige Häuser in Deutschland ausreichend gedämmt sind, müssen in nächster Zeit sehr, sehr viele Häuser gedämmt werden. Das Wuppertal Institut geht davon aus, dass die Sanierungsrate, also wie viele Häuser jedes Jahr gedämmt werden, von heute unter 1% auf 4% erhöht werden muss. Diese Erhöhung ist eine der größten Herausforderungen der Energiewende, denn momentan gibt es nicht mal ansatzweise genügend Personal, um diese Aufgabe zu stemmen. Eine Stärkung des Handwerks ist hierfür dringend nötig. Zusätzlich erschwerend kommt hinzu, dass viele Hausbesitzer*innen aus vielerlei Gründen sehr zögerlich sind, ihr Haus zu sanieren. Dazu gibt es verschiedene politische Lösungen, die wir in einem späteren Blogbeitrag diskutieren werden (für Ungeduldige gibt es hier auch unseren 10-minütigen Vortrag über Wärmewende: https://youtu.be/3pOROPz7cE4). Noch ein letzter Punkt, bevor wir zur Verkehrswende weitergehen: Seit 1960 hat sich unsere Wohnfläche pro Person mehr als verdoppelt mit der Prognose, dass dieser Wert ohne Kehrtwende bis 2030 drei mal so hoch ist wie 1960. Diese Wohnfläche muss gebaut werden. Das versiegelt Fläche und verbraucht Ressourcen. Und diese Wohnfläche muss beheizt werden, was viel Energie verbraucht. Außerdem ist dieser Anstieg der Wohnfläche ein großer Faktor, warum die Mieten explodieren und Städte wie Konstanz immer weiter wachsen. Würde nun zum Beispiel die Pro-Kopf-Wohnfläche in Hamburg wieder auf den Stand vom Jahr 2000 zurückgehen, dann würde dem Markt dadurch so viel Wohnfläche zur Verfügung stehen wie bis 2040 aufgrund des Bevölkerungszuwachses benötigt würde. Wer nach Synergieeffekten zwischen sozialer Politik, Industrie (Reduktion von Zement) und Wärmewende sucht: Hier sind große Hebel.

Abschließend noch die kurze Anmerkung: Um in der kurzen Zeit von 14 Jahren den gesamten Gebäudebestand klimaneutral zu bekommen, wird es großer staatlicher Koordination und Anstrengung benötigen. Ein reines Vertrauen auf Marktmechanismen wäre sehr töricht.

rönender Abschluss der Sektorkopplung und Sorgenkind der Deutschen Klimapolitik ist das Thema Verkehr. Wie bei allen Themen gilt auch hier: Vermeiden, Verlagern und Verbessern.

Vermeiden: Durch mehr Home Office (Stand vor Corona, mittlerweile eher, wenn viel Home Office nach Corona bleibt) und einer Politik, die aktiv gegen Zersiedelung vorgeht, anstatt sie zu fördern, könnte der Personenverkehr um etwa ein Fünftel reduziert werden. Der Güterverkehr könnte mit regionalen Wirtschaftskreisläufen und einer Verteuerung von LKW-Transporten um etwa 5% reduziert werden. Klingt nicht nach berauschend viel, man muss aber bedenken, dass es immerhin eine Umkehr des momentanen Wachstums wäre.

Verlagern: Wichtig dafür ist eine Verbesserung der Bahninfrastruktur, zum Beispiel mit einem Deutschlandtakt. Das heißt in Knotenpunkten fahren Züge zu jeder vollen und halben Stunde los und auch die Verbindungen in die Peripherie werden deutlich besser. Wichtige Maßnahme in Konstanz wäre dafür unter anderem ein zweigleisiger Ausbau über die Rheinbrücke. Die gute Nachricht: Beim Bau der Brücke 1938 hatte man das eigentlich vor, hat es dann aber auf die lange Bank geschoben und schließlich 1957 dann doch eine Autospur über die ursprünglich für ein zweites Gleis vorgesehene Fläche gebaut. Das heißt, die Brücke ist eigentlich für zwei Gleise vorgesehen und es wäre möglich, eine Autospur in eine Zugspur umzuwandeln. Das wurde auch mal von der Stadt untersucht, die Machbarkeitsstudie gibt es hier.

Verlagen heißt aber auch, Autofahren unattraktiver machen, zum Beispiel durch einen autofreien Altstadtring, weniger Parkplätze, keinen Ausbau von Straßen etc.

Das Wuppertal Institut schätzt, dass es möglich wäre, den öffentlichen Verkehr (inkl. Fuß- und Radverkehr) bis 2035 zu verdoppeln und den PKW-Verkehr im Gegenzug zu halbieren. Im Güterverkehr könnte eine Verlagerung um 20% auf die Schiene erreicht werden.

Verbessern: Die Autos, die dann verbleiben, sollten elektrisch werden und auch wieder kleiner werden. Bei LKWs ist die Lage noch nicht ganz so entschieden wie bei PKWs. Hier konkurrieren Oberleitungs-LKW, Wasserstoffantrieb und Batterie. Wer die Nase vorne hat, ändert sich noch regelmäßig. Das Wuppertalinstitut spricht sich vorsichtig für Oberleitungs-LKWs aus, dann müsste in den nächsten Jahren ein dichtes Netz von Oberleitungen auf deutschen Autobahnen entstehen.

Wir werden in den nächsten Wochen die hier angesprochenen Themen noch mal eingehender und mit Bezug zu Konstanz diskutieren.

Text: Manuel, die Abbildungen wurden uns vom Klimacamp zur Verfügung gestellt.