Ausflüge gegen das Vergessen (36): Georg-Elser-Gedenkorte in Königsbronn

Mit seinem Attentat auf Adolf Hitler am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller wollte der Königsbronner Schreiner Georg Elser weiteres Völkermorden und „noch größeres Blutvergießen verhindern“. Sein Plan schlug fehl. Elser wurde noch am selben Tag in Konstanz verhaftet und nach über fünfjähriger Isolationshaft am 9. April 1945 im KZ Dachau ermordet. Sein ostwürttembergischer Heimatort ehrt den einfachen Arbeiter, dem es fast gelungen wäre, die Welt zu verändern, auf vielerlei Weise.

Elsers gescheitertes Hitlerattentat

Georg Elser war bereits im Herbst 1938 – einige Jahre vor oppositionellen Eliten aus Wehrmacht und Verwaltung – zu der Überzeugung gelangt, dass die Verhältnisse in Nazi-Deutschland nur durch eine Beseitigung der NS-Führungsriege geändert werden könnten. Elser hatte militärische und propagandistische Kriegsvorbereitungen beobachtet. Er hatte den Einmarsch deutscher Truppen in die Tschechoslowakei und die Besetzung des „Sudetenlandes“, auch das Nachgeben der Westmächte auf der Münchener Konferenz im September 1938, erlebt. Die Gefahr eines drohenden Krieges erkannte er früh. Und entschloss sich zu handeln.

Das Elser-Denkmal am Bahnhof von Königsbronn

Da Hitler bekanntlich abends vor jedem Jahrestag seines gescheiterten Putschversuchs vom 9. November 1923 im Münchner Bürgerbräukeller eine Rede zu Ehren der „Blutzeugen der Bewegung“ hielt, bei der auch stets die gesamte nationalsozialistische Führung anwesend war, beschloss Elser, in die Säule direkt hinter dem Rednerpult eine Bombe mit Zeitzünder einzubauen. In monatelanger Arbeit präparierte er dort von August bis November 1939 die Säule für die Aufnahme eines Sprengkörpers. Nach einer letzten Inspektion des Zeitzünders fuhr er am 8. November nach Konstanz, um dort noch vor der Detonation illegal die Grenze zur Schweiz zu überschreiten. In München explodierte die Bombe wie geplant um 21.20 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt hatten Adolf Hitler und seine Entourage die Versammlung jedoch bereits seit 13 Minuten verlassen: Nebel verhinderte den Rückflug nach Berlin – und so verließ die NSDAP-Spitze, die auf einen Sonderzug ausweichen musste, den Versammlungsort früher als geplant.

Der Mann, der mit seiner Tat den Krieg hatte verhindern wollen

Georg Elser wurde am 4. Januar 1903 im Hermaringen geboren und wuchs unter schwierigen Familienverhältnissen im nahen Königsbronn auf. Seine handwerkliche und zeichnerische Begabung fiel bereits während seiner Schulzeit auf; die zunächst begonnene Ausbildung zum Eisendreher musste er aus gesundheitlichen Gründen abbrechen und absolvierte danach eine Schreinerlehre, die er als Jahrgangsbester 1922 abschloss. 1925 ging er auf Wanderschaft.
Er arbeitete während der nächsten sieben Jahren in der Tradition des wandernden Schreinergesellen an verschiedenen Orten rund um den Bodensee und lebte von August 1925 bis Mai 1932 in Konstanz. Er war Mitglied im Holzarbeiterverband und trat 1928/29 dem kommunistischen Rotfrontkämpferbund (RFK) bei, ohne sich in beiden Organisationen stark zu engagieren.
Im August 1932 kehrte Elser nach Königsbronn zurück, da seine Eltern Unterstützung benötigten, und arbeitete dort sowohl als selbständiger als auch als angestellter Schreiner. Bis 1933 wählte er nach eigener Aussage die KPD, weil er sie für die beste Vertretung der Arbeiterinteressen hielt.
Den aufkommenden Nationalsozialismus lehnte Elser von Anfang an strikt ab, nahm starken Anstoß an der Einschränkung der individuellen Freiheitsrechte durch die NS-Führung nach 1933, auch an der Unterdrückung der Glaubens- und Religionsfreiheit. Die propagandistische und militärische Hochrüstung des NS-Regimes beobachtete der konsequente Kriegsgegner Elser genau – und kam zu dem Ergebnis, dass nur durch die Ausschaltung der führenden Nazis noch größeres Blutvergießen verhindert werden könne.

Verhaftung, jahrelange Isolationshaft und Ermordung

Die Georg-Elser-Gedenkstätte in Königsbronn

Während am Abend des 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller noch der Zeitzünder tickte, wurde Georg Elser um 20.45 Uhr in Konstanz bei dem Versuch, illegal die Grenze zur Schweiz zu übertreten, von einer Zollstreife festgenommen. Als die Meldung vom Münchner Attentat über die Ticker ging, erregten einzelne Gegenstände in Elsers Taschen Verdacht. Dazu gehörten neben einer Ansichtskarte des Bürgerbräukellers und einigen Teilen des Zeitzünders auch sein Abzeichen des Rotfrontkämpferbunds. Am nächsten Tag wurde er an die Staatspolizeileitstelle nach München überstellt.
Dort gestand er nach tagelangen Verhören und Folterungen die Tat. Nach weiteren Verhören durch die Gestapo in Berlin – ihm wurde unterstellt, im Auftrag des britischen Geheimdiensts gehandelt zu haben; seine Einzeltäterschaft erschien unglaubhaft – wurde Elser ab 1940 als „Sonderhäftling“ in strenger Isolationshaft im Zellenbau des KZ Sachsenhausen gefangen gehalten: Nach dem „Endsieg“ sollte gegen ihn vor dem Volksgerichtshof ein Schauprozess abgehalten werden.
Anfang 1945 verlegte ihn die Gestapo in das KZ Dachau. Während sich sowjetische Truppen der Reichshauptstadt näherten, beschloss die NS-Führung am 5. April 1945 den Mord an prominenten Regimegegnern, die die Befreiung nicht mehr erleben sollten. Am Abend des 9. April 1945 wurde Georg Elser im KZ Dachau durch Genickschuss ermordet und seine Leiche am nächsten Tag im Krematorium verbrannt.
Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes ist Elsers Tat jahrzehntelang verschwiegen, vergessen oder verdrängt worden. Er wurde diffamiert, als verschrobener Sonderling oder gar – wie von Pastor Martin Niemöller, der damit lediglich im KZ Sachsenhausen kolportierte Gerüchte weitergab – als Handlanger der Gestapo abgestempelt. Peter Steinbach und Johannes Tuchel von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand schrieben über die Hintergründe für die Elser lange versagte Würdigung: „Zu akzeptieren, dass das Attentat vom 8. November 1939 von einem schwäbischen Handwerker geplant und begangen worden war, hätte das deutsche Selbstbild vom alternativlosen Gehorsam gehörig ins Wanken gebracht. Solche Gedanken passten nicht in das Deutschland der 50er-Jahre. Georg Elser verkörperte eine unangenehme Alternative.“

Georg-Elser-Gedenken in Königsbronn

Im Jahr 1988 gründete sich der Georg-Elser-Arbeitskreis Heidenheim mit dem Ziel, diesem Mann in der Erinnerungskultur des deutschen Widerstands gegen die nationalsozialistische Diktatur den herausragenden Stellenwert einzuräumen, der ihm zusteht. In enger Zusammenarbeit mit der Gemeinde Königsbronn gelang es danach in jahrelanger Arbeit, Georg Elsers Tat durch Veranstaltungen, Ausstellungen und Publikationen zunächst im Bewusstsein der Region zu verankern. Im Jahr 1997 zeigte die Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Berliner Bendler-Block die Ausstellung „Ich habe den Krieg verhindern wollen. Georg Elser und das Attentat vom 8. November 1939“, die von Anfang an für den späteren Verbleib in Königsbronn konzipiert war. Untergebracht ist diese Ausstellung seither in der im Jahr 1998 feierlich eingeweihten Georg-Elser-Gedenkstätte ganz in der Nähe des Königsbronner Rathauses.

Sein symbolisches Grab vor der Blasius-Kapelle im Königsbronner Friedhof am Itzelberger See

Von Georg Elser existiert kein Grab. Die Asche seiner Leiche vergruben seine Mörder wahrscheinlich in der Nähe des Krematoriums des KZ Dachau oder verstreuten sie wahllos. Deshalb wurde 2003 anlässlich seines 100. Geburtstages ein symbolisches Grab vor der Blasius-Kapelle im Königsbronner Friedhof am Itzelberger See errichtet.
Im Jahr 2010 konnte schließlich am Bahnhof von Königsbronn neben dem Bahnsteig von Gleis 2 in Richtung Ulm das vom Bildhauer Friedrich Frankowitsch geschaffene Elser-Denkmal enthüllt werden. Es soll Elsers Abreise am 5. August 1939 nach München darstellen, wo er in den folgenden Monaten sein Attentat auf Hitler vorzubereitete (wobei unwichtig ist, dass Elser den Zug wahrscheinlich im sieben Kilometer entfernten Heidenheim- Schnaitheim bestieg).
Einen virtuellen Gedenkort hat der Georg-Elser-Arbeitskreis mit seiner umfangreichen Homepage geschaffen, auf der unter anderem auch der ungekürzt wiedergegebene Text des Protokolls vom Verhör Georg Elsers im November 1939 durch die Berliner Gestapo nachzulesen ist.

Sabine Bade (Text und Fotos)

Vertiefende Informationen:
Gedenkstätte Deutscher Widerstand – Georg Elser und das Attentat des 8. November 1939
Georg-Elser-Gedenkstätte
Georg-Elser-Arbeitskreis Heidenheim
Hagedorny, Matheus: Georg Elser in Deutschland, Freiburg 2019
Steinbach, Peter / Tuchel, Johannes: Georg Elser – Der Hitlerattentäter, Berlin 2010

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In unserer Artikel-Reihe “Ausflüge gegen das Vergessen” erschien bisher:

Widerständiges Bregenz (1)
Die Tötungsanstalt Schloss Grafeneck (2)
Auf den Spuren Paul Grüningers in Diepoldsau (3)
Das KZ Spaichingen (4)
Zum Naturfreundehaus Markelfingen im Gedenken an Heinrich Weber (5)
Orte jüdischen Lebens in Gailingen (6)
Das Ulmer Erinnerungszeichen zu Zwangssterilisation und “Euthanasie” (7)
Die KZ-Gedenkstätte im Eckerwald (8)
Endstation Feldkirch (9)
Zum Mahnmal der Grauen Busse in die ehemalige Heilanstalt Weißenau (10)
Das KZ Radolfzell (11)
Opfergedenken und Tätererinnerung in Waldkirch (12)
Das KZ Überlingen (13)
Die Stuttgarter Gedenkstätte für Lilo Herrmann (14)
Die Gedenkstätte für nach Auschwitz deportierte Sinti aus dem Ravensburger Ummenwinkel (15)
Das KZ Bisingen (16)
Freiburger Erinnerungsstätten an die Oktoberdeportation 1940 (17)
Nach Riedheim und Singen im Gedenken an Max Maddalena (18)
Auf den Heuberg (19)
Zum Grab der Widerstandskämpferin Hilde Meisel nach Feldkirch (20)
Das „Gräberfeld X“ in Tübingen (21)
Das KZ Hailfingen-Tailfingen (22)
Die andere Mainau (23)
Die ehemalige „Heilanstalt Zwiefalten (24)
Das KZ Oberer Kuhberg in Ulm (25)
Die Gedenkstätte für jüdische Flüchtlinge in Riehen (26)
Der Stuttgarter Deportationsbahnhof (27)
Das jüdische Hohenems (28)
Das Frauen-KZ in Geislingen an der Steige (29)
Im Gedenken an Jura Soyfer und andere Verfolgte des NS-Regimes nach Gargellen (30)
Die Gedenkstele für Ernst Prodolliet in seinem Heimatort Amriswil (31)
Das St. Josefshaus in Herten/Rheinfelden (32)
Das KZ Natzweiler-Struthof (33)
Die Gedenkstele für ZwangsarbeiterInnen in Lindau (34)
Das KZ Echterdingen (35)