Der Klimacamp-Blog (22): Die Kirche und das Camp

Ein kühler Sonntagmorgen, die Sonne schickt ihre letzten Wärmestrahlen vor Wintereinbruch in den Pfalzgarten. Wem ist sie wohl mehr gesonnen: dem christlichen Konradi-Fest am vergangenen Sonntag mit dem Besuch des Bischofs der Diözese Freiburg? Oder den Klimaaktivist:innen des Konstanzer Klimacamps?

Die mächtigen Glocken der ehemaligen Münster-Kathedrale läuten, was sie hergeben: Ich höre​ die mir vertrauten Dur-Sextolen und etwas in mir ist tief berührt. Sind es Erinnerungen an unbeschwerte Kindheits-Festtage mit Ritualen, Gemeinschaft, Gesang und Kaffeestube nach dem Gottesdienst?

Intensiver Weihrauchgeruch liegt nun über dem Pfalzgarten, als sich die Prozession der Würdenträger in Bewegung setzt. Der Bischof hält seien Krummstab, die Dekane tragen verzierte Gewänder, eine Ministrantin schwenkt das Fass. Der süss-würzige Duft verstärkt meine Erinnerung. Und wieder taucht die Frage auf: Wer wird hier und heute mit der heilenden Essenz gesegnet? Wir oder sie?

Alles ist heute außergewöhnlich: Eine Gruppe von Frauen erscheint in traditioneller Konstanzer Tracht, die im 18. Jahrhundert auch den Zweck hatte, sich von den „Gewöhnlichen“ zu unterscheiden. Der Kontrast zum Klimacamp sticht nicht nur optisch ins Auge. Groß ist er auch dadurch, dass es bis heute keinen Dialog zwischen uns ungleichen Nachbar:innen gibt. Lächelt jemand? Die Masken würden es verstecken. Unsere christlichen Nachbarn prozessieren grußlos an unseren mahnenden Transparenten vorbei, die die Schöpfung bewahren wollen.

Das Camp befindet sich direkt unter der Mariensäule, es wurde auf städtischem, nicht kirchlichem Grund errichtet, und die Bewilligung gilt bis im Jahr 2035. Uns wurde vom Dekan ein WC zur Verfügung gestellt. Um es zu nutzen, müssen wir das Münster umrunden, weil der Jesuitengang für uns bisher verschlossen ist.

Weihnachtslieder erklingen. Weihnachtstimmung? Im Camp weniger. Wir haben veganen Kuchen gebacken und sammeln für die an der polnischen Grenze frierenden Flüchtlinge. Sollte das Sammeln für Menschen in Not uns nicht als Nachbarn näherbringen?

Wir sind sehr verschieden. Und doch: Wir Nachbarn sind alle Konstanzer:innen.

Wird das kühle Schweigen irgendwann einem zaghaften nachbarschaftlichen Gruss weichen? Wir könnten mit einem Smalltalk über das Lindern sozialer Ungerechtigkeit beginnen. Wir könnten über Natur und Biodiversität reden. Und vielleicht sogar eines Tages über gelebten Klimaschutz in Konstanz.

Text und Fotos: Astrid Lindmar vom Klimacamp Konstanz

Der Klimacamp-Blog wird von Aktivist:innen des Konstanzer Camps verfasst. Sie entscheiden autonom über die Beiträge. Bisher sind auf seemoz.de erschienen:

(21): Winter im Camp – wir brauchen Unterstützung!
(20): Die Konstanzer Klimaschutzstrategie
(19): Diese Woche? Klimawoche!
(18): Hambi 2.0 – der Kampf um Lützerath
(17): Hundert Tage – Party oder Trauerfeier?
(16): Was passiert, wenn wir die 1,5 Grad-Grenze überschreiten?
(15): Ein Plädoyer für Offenheit
(14): Was kostet Anwohnerparken?
(13): Wie, Konstanz, hältst du’s mit dem Gas?
(12) Der Weg zu einem klimaneutralen Energiesystem (Teil 2)
(11) Der Weg zu einem klimaneutralen Energiesystem (Teil 1)
(10) Eine Nacht im Klimacamp
(9) Sind individuelle Lösungen ein wirksames Mittel? Eine Gegenüberstellung
(8) Ein Tag im Camp
(7) Demo- und Wahlrückblick
(6) Nach der Wahl: Das muss jetzt passieren
(5) Zwischen Verzweiflung und Hoffnung
(4) Klimastreik vor der Wahl
(3) Eine lange Radtour
(2) Kaum Fortschritte beim Klimaschutzbericht
(1) Warum Fridays nicht mehr reicht